„Antifas sind Landesverräter!“ – „Deutschland verrecke!“
Zwei emotional gespickte Aussagen, die insbesondere in den letzten Jahren auf vielen Demonstrationen, wo die linke und rechte Szene aufeinander treffen, zu hören sind. Will man beide Aussagen reflektieren und die Hintergründe verstehen, muss man allerdings – wie so oft – etwas weiter ausholen.
Einleitung
Kernbegriff hinter beiden Aussagen ist der Nationalstolz. Ein Kunstbegriff für ein Absurdum. Denn Stolz setzt aus psychologischer Sicht eine persönliche Leistung, zumindest aber eine eigenständige Entscheidung voraus. So kann man stolz darauf sein, dass man eine schwierige Aufgabe gelöst hat; oder dass man der Gesellschaft bzw. anderen Menschen hilft oder sich einfach moralisch korrekt verhält oder sich selbst reflektiert. Dabei lassen wir die Diskussion, ob Stolz überhaupt ein erstrebenswertes Mittel zur Erlangung eines zufriedenen, ausgeglichenen Selbstverständnisses geeignet ist, einmal aussen vor.
Der Stolz auf seine Nationalität ist rein sachlich gesehen jedenfalls absurd. Niemand wählt aktiv seinen Geburtsort, niemand sucht sich aktiv seine Eltern aus.
Nationalstolz überträgt Eigenschaften auf den Einzelnen, die dieser gar nicht selbst erworben hat. Zugegeben – es ist verführerisch, sich mit fremden Federn zu schmücken. Machen sich viele doch die mehr oder weniger großen alljährlichen Erfolge der Nationalmannschaft oder wissenschaftliche bzw. künstlerische Errungenschaften gerne zu Eigen. Auch wenn der persönliche Anteil daran praktisch gleich Null ist. Diese Aufwertung des eigenen Ichs ist gesellschaftlich bis zu einem gewissen Grad durchaus vorteilhaft und akzeptiert, wird sogar von der Politik bewusst genutzt.
Problematisch wird diese Projektion jedoch, wenn aus Stolz eine moralische Aufwertung entsteht: WIR sind etwas Besonderes, UNSERE Geschichte ist besonders, UNSERE Kultur ist überlegen. Diese Projektionen werden zu existentiellen Problemen ganzer Zivilisationen, ja der gesamten Menschheit, wie uns unzählige Erfahrungen in Religion und politischem Weltgeschehen schmerzhaft gelehrt haben.
Aber warum ist das so?
Eine Nation ist keine natürliche Gemeinschaft wie eine Familie oder eine Freundschaft. Sie ist eine histurisch entstandene politische bzw. gesellschaftliche Konstruktion. Ihre Mitglieder können sich persönlich völlig unbekannt sein und dennoch erzeugt diese Konstruktion die Vorstellung, man würde einer großen Schicksalsgemeinschaft angehören. Der weltweit häufigste Trugschluss, der allenfalls das Selbstbild des Einzelnen aufpeppen kann, dem bislang echte Gründe fehlen, die sein Bedürfnis nach sozialer Anerkennung befriedigen.
Die Nationalflagge macht diese abstrakte Gemeinschaft daher auch emotional erfahrbar. Der Einzelne nimmt sich selbst als Teil eines größeren WIR wahr, gepusht durch Symbole.
Antifaschismus MUSS daher diesem Phänomen widersprechen, weil Faschismus genau diese Konstruktion solcher hierarchischer Gesellschaftsphänomene radikalisiert.
Das Problem liegt hier in der logischen Kehrseite dieses Konstruktes: Wo es ein WIR gibt, muss es auch ein NICHT-WIR geben. Nationalismus vereint daher nicht nur, sondern er zieht Grenzen zwischen denen, die dazu gehören und denen, die nicht dazugehören.
Dies führt zwangsläufig zu einem Spannungsverhältnis zwischen dieser künstlichen Grenzziehung und der Vorstellung einer im Grundgesetz verankerten universellen Gleichheit der Menschen. Denn der Wert eines Menschen ist nicht klassifizierbar. Er darf nicht davon abhängen, welchen Pass ein Mensch besitzt, wo er geboren wurde oder welcher nationalen oder religiösen Gemeinschaft er zugerechnet wird.
Der psychologische Aspekt
Symbole haben nicht nur einen konkreten Inhalt. Flaggen, Buttons oder Aufdrucke auf einem T-Shirt schaffen Atmosphäre und vereinheitlichen eine Gruppe von Menschen. Sie lassen jedes einzelne Individuum als Teil eines Kollektivs erscheinen und vermitteln so Geschlossenheit und Zugehörigkeit. Aber genau diese psychologische Wirkung macht Symbole insbesondere für autoritäre und faschistische Bewegungen attraktiv.
Andersherum bedeutet das natürlich nicht, dass jede Nationalflagge ein faschistisches Symbol wäre – die Gefahr des Missbrauchs für faschistoiede Strukturen ist jeoch sehr groß. Nationalflaggen können durchaus unterschiedliche politische Bedeutungen annehmen. So steht das schwarz-rot-gold der deutschen Flagge für eine demokratische Bewegung für Freiheit und Einheit im 19. Jahrhundert zurückgeht. Auch hier fand in den letzten Jahrzehnten eine Deutungsumwandlung durch die rechten Gruppierungen statt, auf die wir an anderer Stelle noch genauer eingehen werden.
Demnach gilt: eine demokratische Gesellschaft braucht keinen Nationalstolz. Man kann die demokratische Grundordnung im Sinne universeller Menschenrechte oder soziale und wissenschaftliche Errungenschaften bejahen, ohne daraus einen Nationalstolz herzuleiten. Und hierin liegt der entscheidende Unterschied: Antifaschisten fragen nicht danach, was Deutschland geleistet hat – sie fragen nach ethischen und politischen Werten, die es zu verwirklichen gilt, um eine freiheitliche Gesellschaft für alle zu generieren. Dabei wird der Bezugspunkt von der Nation zum Menschen und gemeinschaftlichen Idealen wie Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und die Ablehnung von Rassismus in jeder Form hin verschoben.
Und historisch?
Die Geschichte hat uns unzählige Male gezeigt, wie wirkungsvoll nationale Symbole für politische Mobilisierung eingesetzt werden können. Dazu bedient sich nicht nur Fahnen, sonsern auch Rituale und Zeremonien. Hier gehen faschistische Traditionen nahtlos in religiösen Fanatismus über.
Insbesondere in Deutschland kommt dem Nationalismus eine besonders bittere Bedeutung hinzu. Denn der deutsche Nationalismus war nicht nur mit demokratischen Bewegungen verbunden, sondern trat in unverantwortlicher Intensität und Agressivität mit Militarismus, Kolonialismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus hervor. Dabei nutzte insbesondere der Nationalsozialismus in einer pervertierten Form Fahnen und Symbole zur Erschaffung einer totalitären Identität, der sich viele Menschen bereitwillig hingaben.
Und auch heute müssen wir – wissenschaftlich belegt – erkennen, dass nationale Symbole wie Flaggen nicht nur integrieren, sondern auch gesellschaftliche Spaltungen sichtbar machen, diese sogar verstärken.
Und was nun?
Es ist nicht nur moralisch legitim, sonsern sogar konsequent, jede Verherrlichung einer Nationalflagge abzulehnen.
Die Konsequenz besteht für den Antifaschisten also nicht in einer anderen, besseren Nationalflagge oder einem wie auch immer geprägten alternativen „Nationalismus“. Die Konsequenz ist Solidarität – unabhängig von Ländergrenzen. Der antifaschistisch gesinnte Mensch fragt nicht „Wer gehört zu uns?“ sondern setzt sich für alle Menschen im Sinne der Grundrechte ein. Und damit wird auch verständlich, weshalb aus antifaschistischer Sicht die Nationalflagge als Ausdruck von Nationalstolz problematisch ist und bleibt. Sie symbolisiert nun einmal nicht den Menschen und seine Rechte, sondern eine politische Zugehörigkeit – ein fatales WIR.
Das antifaschistische WIR endet nicht an einer künstlich konstruierten politischen Grenze. Kein Nationalstolz, sondern Verantwortung für die Gesellschaft. Keine nationale Überlegenheit sondern universelle Menschenrechte. Keine Ausgrenzung sondern Solidarität.
Kein Mensch ist aufgrund seiner Herkunft mehr wert als ein anderer.
Benutzt als überzeugte Antifaschisten Nationalflaggen für die Kennzeichnung eurer Wörterbücher oder im Gewürzschrank. Aber lasst sie auf Demonstrationen und anderen öffentlichen Veranstaltungen zuhause. Das gilt übrigens auch für die Flaggen Palästinas oder Israels.
Literaturhinweise:
Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter; Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?
Michael Billig: Banal Nationalism
Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit
George L. Mosse: The Nationalization of the Masses
